Der Wettbewerb basierte auf dem Entwurfs und Forschungsansatz, der in der ARCH+ Ausgabe 188 Form Follows Performance vorgestellt wurde. Worum geht es dabei? Um die Suche nach alternativen Wegen zu dem in der zeitgenössischen Architektur herrschenden Primat der Gestalt – um nicht mehr, aber auch um nicht weniger. Eine Schlüsselrolle für die ARCH+ Ausgabe kommt dem Konzept der Materialsysteme zu. Die Entwicklung eines Materialsystems war auch der Inhalt des Wettbewerbs. Damit stellte der Wettbewerb die Teilnehmer vor die Herausforderung, nicht wie sonst üblich für eine gegebene Aufgabenstellung eine Lösung zu erarbeiten, sondern die Aufgabe selbst zu definieren. Was ist das Spezifische an Materialsystemen? Material an sich gibt es genau genommen nicht. Es ist immer zugleich auch Struktur; Struktur impliziert Form und Form impliziert Funktion. Strukturbildung auf allen Maßstabsebenen und durch alle Hierarchiestufen hindurch ist – sehr vereinfacht – der Trick, wie die Natur es geschafft hat, mit nur wenigen „Bausteinen“ eine unübersehbare Vielfalt zu erzeugen. Dieser Prozess der strukturellen Differenzierung in Respons auf die Umwelt beschreibt den Weg vom einfachen System zu komplexen Kapazitäten. Er ist der gängigen Entwurfspraxis der geometrischen Komplizierung à priori und der Materialwerdung à posteriori diametral entgegengesetzt. Der Begriff des Materialsystems steht für ein integratives Verständnis von Materialität, Struktur und Form. Ziel des Wettbewerbs war es, in der Auseinandersetzung mit einem Materialsystem einen Möglichkeitsraum zu eröffnen, indem seine architektonischen und performativen Potenziale ausgelotet werden. Die zentrale Fragestellung dabei ist nicht das schnelle „Wozu kann ich es gebrauchen?“, sondern zunächst das „Was kann es?“
Die 115 Einsendungen aus 13 Ländern dokumentierten zweierlei: Erstens, wie schwierig es ist, eingeübte Denkbahnen zu verlassen, und zweitens, dass ein solcher auf dem Konzept der Materialsysteme beruhender Entwurfs- und Forschungsansatz eine große Bandbreite an eigenwilligen Entwicklungen zulässt. In einer ersten Jurysitzung am 17.2.2009 wurden aus den Beiträgen der ersten Wettbewerbsphase fünf Projekte zur weiteren Bearbeitung ausgewählt. Die zweite Phase sollte den Projektautoren die Möglichkeit geben, gemeinsam mit Experten aus verschiedenen Disziplinen ihr Konzept weiterzuentwickeln und anhand von Prototypen im Hinblick auf Herstellbarkeit und Performance zu testen. Vier der fünf Finalisten haben diese Chance genutzt und ihre Projekte am
9. 11. 2009 präsentiert.